Traditionell konzentrierte sich Software-Ergonomie darauf, Belastungen zu reduzieren – etwa durch nutzerfreundliche Bedienung oder übersichtliche Interfaces (Burmester et al., 2002). Doch moderne Technologien können mehr: Sie können unser digitales Wohlbefinden aktiv fördern. Dieser Gedanke steht im Zentrum eines Forschungsansatzes, der als Positive Technology bekannt ist.
Was ist Positive Technology?
Positive Technology beschreibt die Entwicklung digitaler Systeme, die gezielt darauf ausgerichtet sind, das psychische Wohlbefinden von Menschen zu unterstützen. Der Ansatz verbindet Erkenntnisse der Positiven Psychologie mit der Mensch-Technik-Interaktion – also der Frage, wie wir mit digitalen Technologien umgehen und was wir dabei empfinden.
Ein Rahmenmodell von Riva et al. (2012) unterscheidet dabei zwei zentrale Wirkdimensionen:
- Hedonisch: Förderung positiver Emotionen, wie Freude, Leichtigkeit oder Motivation
- Eudaimonisch: Unterstützung von Selbstverwirklichung und persönlichem Wachstum
Beide Dimensionen zielen darauf ab, digitale Technologien nicht nur effizient, sondern auch sinnstiftend und angenehm zu gestalten.
Freude als UX-Faktor
Bereits in den 1980er-Jahren wurde erkannt, dass Freude an der Nutzung („joy of use“) eine zentrale Rolle in der Bewertung von Software spielt (Carroll & Thomas, 1988). Neuere Studien bestätigen diesen Einfluss:
- Systeme mit positiver emotionaler Wirkung werden besser akzeptiert,
- fördern Lernerfolge,
- und können sogar in sicherheitskritischen Bereichen wie dem Straßenverkehr helfen.
Hassenzahl et al. (2000) zeigten, dass hedonische Qualitäten – etwa Ästhetik, Anregung oder Originalität – unabhängig von funktionalen Aspekten wirken und dennoch die Gesamtwahrnehmung stark prägen. Diese Dimension wird heute auch in UX-Fragebögen wie dem User Experience Questionnaire (UEQ+) systematisch erfasst.
Warum ist das wichtig?
Gerade im Kontext der digitalen Transformation ist die Akzeptanz neuer Technologien entscheidend. Positive emotionale Erfahrungen senken die kognitive Belastung und fördern die Bereitschaft, neue Tools zu nutzen – ein zentrales Ziel für Unternehmen, die digitale Systeme einführen.
Eudaimonische Qualität: Technologie für Sinn und Wachstum
Während hedonische Aspekte kurzfristige Emotionen betreffen, geht es beim eudaimonischen Erleben um langfristige Entwicklung und Sinnstiftung. Positive Technology verfolgt hier das Ziel, Technologie als Katalysator für Flow-Erlebnisse und Selbstverwirklichung zu nutzen.
Was bedeutet das konkret?
- Flow-Erlebnisse – also das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit – treten häufig bei digitaler Nutzung auf, z. B. beim Gaming oder in immersiven VR-Umgebungen .
- Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Flow und:
- weniger Stress
- mehr Wohlbefinden
- besseren Leistungen
Diese Dimension wird in der UX-Forschung noch vergleichsweise selten adressiert – bietet aber enormes Potenzial für Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Gesundheitsanwendungen.
Fazit: Warum Positive Technology für digitales Wohlbefinden entscheidend ist
Die Perspektive der Positive Technology verschiebt den Fokus von der reinen Vermeidung digitaler Belastungen hin zu einer aktiven Förderung von digitalem Wohlbefinden. Sie zeigt auf, wie Technologien gestaltet sein müssen, damit sie nicht nur funktionieren – sondern Freude bereiten, Sinn stiften und uns in unserer Entwicklung unterstützen.
Für Unternehmen in der digitalen Transformation bedeutet das: UX-Design ist mehr als Usability. Wer Systeme gestaltet, die Emotionen und Erleben berücksichtigen, schafft nicht nur effizientere, sondern auch gesündere und nachhaltigere digitale Arbeitswelten.
Tim-Can Werning ist Psychologe, Referent der German UPA und Führungskraft an der IU Internationalen Hochschule. In seiner Forschung untersucht er, wie die Digital Experience von Arbeitssystemen das psychische Wohlbefinden von Mitarbeiter*innen beeinflusst. Als Speaker und Herausgeber des „Handbuch User Experience“ bei Springer Gabler macht er dieses Wissen für die betriebliche Praxis anwendbar.


